Sorranto

Tarantella (Tanz)

Der Tanz des Dionysos

Sieht man sich im Museum von Neapel die Tanzszenen auf den Vasen an, die die Archäologen in ganz Unteritalien aus dem Boden geholt haben, ist klar, wo die Ursprünge dieses Tanzes liegen: es waren di Anhänger des Gottes Dionysos – die Römer nannten ihn Bacchus, die am Glück des Jenseits schon zu Lebzeiten teilhaben wollten. Das war ihrer Meinung nach durchaus möglich: mit Hilfe eines edlen Weines und der anregenden Wirkung des Tanzes. Dionysos steht nicht nur für die berauschende Wirkung des Weines, sondern für dessen positive gesellschaftliche und geistige Auswirkungen. Er ist der Gott, der den Menschen die Kultur, den Ackerbau, das Theater die Gesetze geschenk hat, aber auch den extatischen Tanz. Als der Befreier (lat. liberator, gr. Eleutherios) befreit er die Menschen durch Wein, Musik und Tanz von den Fesseln, die diese sich selbst angelegt haben oder sich bereitwillig von der Gesellschaft anlegen lassen. Die Anhänger des Kultes glaubten, dass sie durch den Tanz eine höhere Sphäre des Bewusstseins erreichen konnten, dass sie damit sogar mit den Menschen früherer Generationen in Verbindung treten konnten. Sie glaubten, dass während des Tanzes der Gott von ihnen Besitz ergreifen würde und nannten diese Verbindung mit mit dem Transzendenten enthusiasmus (frei übersetzt. Der Gott ist in uns). Kein Wunder, dass die sittenstrengen Römer der frühen Republik die Dionysischen Tänze bei Todesstrafe verboten, mit der Zeit erlagen sie ihm aber dann doch. Doch fand der exotische Kult aus dem Osten Kleinasiens zu viele Anhänger, dass Widerstand zwecklos war. Die Anhänger dieser neuen Heilsreligion fand man im Volk, aber auch in adeligen Kreisen. In dem Roman Satyrikon, den Petronius Arbiter, ein Fachmann für Fragen des Geschmacks am Hofe Neros schrieb, finden wir die Szene mit einer Tarantella- Tänzerin aus Neapel.

Das Erbe der Griechen und Römer

Betrachtet man Tanzszenen auf manchen Fresken aus Pompeji, so findet man dort dieselben Instrumente, die man in unserer Zeit beim Tarantella noch benutzt: Tamburine, Kastagnetten und eine Art Mandoline.

Forscht man nach, wo in Italien überall die Tarantella getanzt wird, so entspricht dieses Gebiet ziemlich genau dem Siedlungsgebiet der Leute aus Hellas. Der Name selbst stammt vermutlich von einer der mächtigsten griechischen Städte der Magna Graecia: Tarent, gr. Taras, ital. Taranto.

Die Tarantella hat in den ehemaligen Siedlungsgebieten der Griechen ganz verschiedene Namen: In Apulien nennt man ihn oft Pizzica, in Kalabrien Viddaneddha, in Sizilien Curdedda. Selbst in der Campania hört man manchmal auch die Bezeichnung Tammuriata nera, in Sorrent heißt er im Volk oft saltarello (= kleiner Tanz).

Nach dem Untergang des römischen Reiches fehlen uns die Nachrichten über den Tanz. Die Christen brachten diese irdischen Vergnügen mit dem Teufel in Verbindung. Schon den ersten Christen war es verboten, an den dionysischen Tänzen teilzunehmen. Deshalb gaben sie ihrem Luzifer auch die Gestalt eines Satyrn. Satyre waren die lustigen Begleiter des Dionysos. Da sie immer auf „tierische“ Vergnügen aus waren, trugen sie auch tierische Attribute: Hörner, Ziegenbärtchen, Ziegenschwanz, Klauenfüße. So wurde dieses harmlose, nur zu Blödsinn aufgelegte Kerlchen bei den Christen zum Inbegriff des Bösen.

Im Mittelalter

Erst im 13. Jahrhundert erwähnen die ersten Dokumente wieder einen Tanz, den das Volk in den Straßen Neapels mit Begeisterung aufführt. Man Dass Napoli sein griechisches Erbe besser bewahrt hat als andere Städte zeigt sich auf vielen Gebieten. Tarantella war die häufigste Bezeichnung. Allerdings brachte der Volksglaube diese Tarantella damals mit der tarantula, einem Spinnentier (Lycosa tarantula) in Verbindung gebracht, deren Biss sehr schmerzhaft, aber nicht tödlich ist, der aber die Opfer angeblich dazu bringt in wilde Tanzbewegungen auszubrechen (Tarantismus). Der Gerechtigkeit halbe muss man aber feststellen, dass es keine Arachniden (Spinnentiere) gibt, die Gift mit halluzinogener Wirkung absondern. Es gab allerdings ein anderes Phänomen, das ekstatische Bewegungen und Zuckungen auslöste. Dies war das so genannte „Antoniusfeuer“. Es wurde ausgelöst duech den Verzehr von Roggenbrot, das mit dem Pilz Claviceps purpurea infiziert war. Dieser enthält toxische und psychoaktive Substanzen (Alkaloide).

Wir hören dann wieder von diesem Tanz durch den gelehrten deutschen Jesuitenpater Athanasius Kircher (1602-1680), der der Tarantella bei einem Besuch in Neapel zusieht.. Es waren dann aber die Reisenden der Grand Tour wie Goethe, Lord Byron u.a. die auf die Tarantella aufmerksam wurden. Die Aufführung einer Tarantella ist eine der Kernszenen in Ibsens Puppenhaus.

Die Wirkung der Tarantella

Besonders im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Romantik, griff die Instrumentalmusik diese Musikform auf. Dabei waren es nicht nur Italiener, die sich mit dieser Musik beschäftigten.. Franz Liszt komponierte ein Stück, das er "Tarantella, Venezia e Napoli" nennt (Nr. 3 aus Les Années de Pèlerinage, 2. Jahr ItalienItaly). Der letzte Satz von Franz Schuberts Symphonie No. 3 in D, D 200 ist eine Tarantella, auch wenn sie nicht als solche bezeichnet wird. Auch Frédéric Chopin schrieb ein Stück mit der Bezeichnung "Tarentelle" (Opus 43) im 6/8 Takt.
Leopold Godowsky schrieb Chopin's Op. 10 nr. 5 in eine Tarantella für das Klavier um. Sergei Rachmaninoffs Suite Nr. 2 für Zwei Klaviere, Op. 17, endet in einer furiosen Tarantella. Gioacchino Rossinis Lied "La Danza" ist eine typische Tarantella. Der US-amerikanische Komponist Louis Moreau Gottschalk ("Grand Tarantelle for Piano & Orchestra"). Der zweite Satz von John Coriglianos erster Sinfonie (1990) trägt die Bezeichnung Tarantella, und Elliot Goldenthal verwendet in seinem Ballett Othello (1998) eine ebensolche von vierzehnminütiger Dauer, um die Entwicklung von Iagos Plan gegen Othello darzustellen. Heute bekannte Komponisten,sind z.b. Otello Profazio, I Calabruzi, Mino Reitano, Pino Di Modugno, Eugenio Bennato und Renzo Arbore.

Die Musik der Tarantella erklingt im Film Der Pate (The Godfather, The Godfather II). Dort versucht Frankie Pentangeli die Hochzeitskapelle (die nicht aus Italienern besteht) dazu zu bringen eine Tarantella zu spielen. Doch schaffen sie es nicht und ihr Versuch endete damit, dass sie das populäre amerikanische Lied "Pop Goes the Weasel" intonieren.

"Tarantallegra" ist ein Zaubertrick, der in den Büchern über Harry Potter andere Menschen dazu bringt, die Beine schnell und unkontrolliert zu bewegen. Zuerst finden wir den Zauber in

Harry Potter and the Chamber of Secrets.

Zu den Literaten und Musikern gesellten sich die Maler. Wunderschöne Darstellungen haben wir von Jacob Philipp Hackert, dem engen Malerfreund Goethes. Die beiden Deutschen waren 1787 zu Gast im Hause des britischen Botschafters Lord Hamilton. Dessen junge Frau, gleichzeitig Geliebte des britischen Seehelden Horatio Nelson – verdrehte jedermann den Kopf mit ihrer Schönheit und körperlichen Reizen. Darin verglich sie sich mit Venus, der Göttin, die für Liebe und Schönheit zuständig war. U dies zu zeigen, zog sie sich vor den Gästen ihres Ehemannes aus und stellte sich in die Pose antiker Kunstwerke. Mehrere Reisende aus dem Norden erzählen uns von diesen attitudes, wie man das nannte, auch wenn Goethe es abgeschmackt fand. Aber Lady Hamilton (bürgerlich Emma Hart) war auch eine begeisterte Tarantella – Tänzerin. Oft ging sie nach Piedigratta raus, wo das Volk im fackelbeleuchteten Tunnel, den die Römer einst als Verbindung mit Pozzuoli gruben, ihre nächtliche Tarantella aufführten.

Die Art des Tanzes

Der Tanz ist ein Kreistanz, meist im 6/8, manchmal auch im 1/8 oder gar im 4/4 Takt. Der Tanz wird angeführt von einem einzelnen Sänger oder Sprecher. Als Tarantella bezeichnet man aber auch ein Lied mit Instrumentalbegleitung. Die typischen Musikinstrumente sind Gitarre, Mandoline, Akkordeon, auch Violine und manchmal Cello. Der Rhythmus wird durch Tamburine vorgegeben, die mit bunten Bändern geschmückt sind: oft kommen Kastagnetten hinzu. Tamburin und Kastagnetten werden von den Tänzern selbst gespielt. Die Tanzbewegung ist zunächst langsam und kreisförmig im Uhrzeigersinn. Wenn die Musik schneller wird, wird die Tanzrichtung geändert. Die Änderung erfolgt mehrere Male, wobei die Musik immer schneller wird, bis es den Tänzern schließlich nicht mehr möglich ist zu folgen. Thematisch stellt vor allem die Tarantella von Sorrent eine Liebesgeschichte dar. Das Mädchen wird umworben und gewonnen, dann folgte die Krise und Trennung, schließlich findet man sich wieder im Glück vereint.

Die Tarantella heute Man kann sagen, dass die Tarantella bis zum Zweiten Weltkrieg selbstverständliches Merkmal der Volkskultur war. Danach verdrängten amerikanische und italienischen Schlager allmählich diese Musik und es bestand die Gefahr, dass sie der Vergessenheim anheimfallen könnte. Dies war in Sorrent weniger der Fall, denn die Fremden, meist belesene Leute, fragten immer wieder, ob es die Tarantella noch gibt. So führte man sie vor den Fremden auf, auch wenn die Praktizierung dieser Folklore auf diese Tanzgruppen beschränkt blieb. Doch in den 70er Jahren entdeckte man – nicht zuletzt durch die Fragen der Fremden - wieder die eigene Tradition. Roberto de Simone schrieb die Oper „La Gatta Cenerentola“ nach den Erzählungen „Lu cunto del li cunti“, die von Giabbattista Basile zu Beginn des 17. Jahrhunderts in neapolitanischem Dialekt geschrieben wurden. Gleichzeitig kann man aber nicht umhin, die Tänze, die manchmal von Tanzgruppen den Touristen vorgeführt werden, als Klamauk zu bezeichnen. Dumme Späßr, zu denen Zuschauer auf die Bühne geholt werden und das undefinierte Herumhüpfen sind eine Karikatur der eigentlichen Tarantella.

Dieser Artikel ist dem Studienordner Neapel von albatours entnommen.